Titelaufnahme

Titel
Lebensgeschichtliche Narrationen von Tiroler Frauen der Bund-Deutscher-Mädel Generation : "Je weniger man über etwas geredet hat, je besser bist du durchgekommen"
Weitere Titel
Life-historical narrations of Tyrolean women of the BDM generation
VerfasserRauchegger-Fischer Mag.a, Claudia
Begutachter / BegutachterinUniv.-Doz. Mag. Dr. Horst Schreiber; Univ.-Prof. Mag. Dr. Thomas Albrich
GutachterUniv.-Doz. Mag. Dr. Horst Schreiber
Erschienen2017
Umfang415 Seiten
Datum der AbgabeMai 2017
SpracheDeutsch
DokumenttypDissertation
Schlagwörter (DE)Nationalsozialismus / Frauen im Nationalsozialismus / Täterinnen / Mitläuferinnen / BDM in Tirol / Bund-Deutscher-Mädchen / regionalgeschichtliche Studie
Schlagwörter (EN)National Socialism / Women in National Socialism / perpetrators / followers inside / BDM in the Tyrol / Bund German girl / Regional historical study
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Zusammenfassung (Deutsch)

Der Fokus der vorliegenden Studie ist auf die Interpretation der Vergangenheitserzählungen von 29 Frauen der Jahrgänge von 1911 bis 1933 gerichtet, die als Jugendliche und junge Frauen die NS-Zeit erlebten. Die Interviews vermitteln Einblicke in die Vor- und Nachgeschichte des Nationalsozialismus in Tirol und lassen Rückschlüsse auf kollektive Geschichtsbilder zu. Die Arbeit geht der Frage nach, wie diese Frauen in der letzten Phase ihres Lebens über die viele Jahrzehnte zurückliegenden Ereignisse denken und welche Einflüsse die NS-Zeit aus ihrer Sicht auf ihre Biografie hatte. Lässt sich bei den Großmüttern der heutigen Generation inzwischen ein offenerer Zugang zu den Geschehnissen feststellen, oder sind Bindung und Loyalität dem Regime gegenüber immer noch wirkmächtig bei jenen, die damals zu den Überzeugten und Begeisterten zählten? Die Faszinations- und Attraktionsangebote der NS-Diktatur, die für Frauen verführerisch waren, werden anhand von einzelnen Fallanalysen herausgearbeitet. Da für die Arbeit Interviews von 13 BDM-Führerinnen vorlagen, von denen sieben hauptamtliche Funktionen im Rahmen des NS-Regimes bekleideten, ist das Hauptaugenmerk auf diese Gruppe gerichtet.

Wie in einem Brennglas zeigen sich in ihren Erinnerungsrekonstruktionen Motive ihrer mehr oder weniger geglückten „Nationalsozialisierung“ und geben so Aufschluss darüber, welche Mechanismen wirksam wurden, dass Menschen die radikale Ausgrenzung von Juden und Jüdinnen, Roma und Romni, Sinti und Sintisa, ZwangsarbeiterInnen und Menschen mit Behinderung „übersahen“ oder auch gut hießen. Die Auswertung der Interviews ermöglicht Einblicke in das Repräsentative des Verhaltens von Tirolerinnen während der NS-Zeit. Als Forschungsansatz wurden Methoden der qualitativen Sozialforschung verwendet, als Erhebungsinstrument teilstrukturierte narrative Interviews.

Neben der Bedeutung der familiären Sozialisation für das politische Weltbild zeigte sich, dass die Zugehörigkeit zur evangelischen Kirche eine treibende Kraft für eine spätere nationalsozialistische Einbindung der Tiroler Frauen war. Während der Katholizismus nicht unbedingt als Schutzschild diente, beförderte eine Herkunft aus einem protestantischen Elternhaus die Hinwendung zum Nationalsozialismus. Ein weiteres Ergebnis der Analyse ist, dass bei den einst dem Regime nahestehenden Frauen auch nach Jahrzehnten das Faszinosum immer noch wirkmächtiger ist als die Reflexion der eigenen Beteiligung. Es ist zu konstatieren, dass sich Tiroler Frauen nicht von Tiroler Männern unterscheiden, weder sind sie durch ihr Frau-Sein gegenüber den Angeboten des Regimes immun gewesen, noch führte die weibliche Identität im Rückblick zu einer kritischeren oder emotionaleren Sicht auf die Opfer des Regimes. Erstaunlich offene antisemitische und rassistische Aussagen lassen auf eine Immunisierung gegenüber demokratischen, an den Menschenrechten orientierten Grundhaltungen der Zweiten Republik schließen. Nicht nur Männer haben also am Fortleben von autoritären, fremdenfeindlichen Haltungen Mitverantwortung, sondern auch Mütter und Lehrerinnen, die bewusst oder unbewusst ihre Einstellungen an die nächste Generation weiter gaben.

Zusammenfassung (Englisch)

The focus of this study is the interpretation of the personal narrations of 29 women, born between 1911 and 1933, who recount their past as adolescents and young adults during the NS regime. The interviews give insight into the pre and post history of national socialism in Tirol and allow conclusions to be drawn regarding collective conceptions of history. This study examines the question of how these women reflect on these events many decades later, as they find themselves now in the last stages of their lives, and how the period of national socialism has, in their opinion, impacted their biography. Have the grandmothers of the young 21st century generation developed a more open minded view towards such past historical events, or is loyalty and attachment to the NS regime still prevalent in those who were once avid supporters of said ideology? The range of possibilities for fascination and attraction to the NS dictatorship, which could seem promising and tempting for women at the time, are analysed on the basis of individual case analyses. Since the study contains interviews of 13 BDM (Bund deutscher Mädel) leader, of weich seven held full-time positions within the NS regime, there is a particular focus on this group.

The women's reconstructions of memory draw us in like a magnifying glass and show the motives of their socialisation to national socialism to a greater or lesser extent, and thus highlight which mechanisms were effective to make people "overlook" and approve of the radical social exclusion of Jews, Roma, Sinti, forced labourers and people with disability. The evaluation of these interviews provides deep insights into the representative quality of the behaviour of the people of Tirol during the NS period. The research approach follows the methods of qualitative social studies, the survey instruments are semi-structured narrative interviews.

Apart from the significance of family socialisation regarding one's political worldview, it is evident that membership to the evangelical church was a driving factor in the national socialist integration of Tyrolean women at a later stage. Although Catholicism did not really serve as a protective shield, belonging to a Protestant home, on the other hand, lead to a stronger devotion to national socialism. Another conclusion drawn from the analysis is that after decades, among women who were at the time closely associated with national socialism, their fascination is still more powerful than is their reflection on their participation in such ideals.

It has to be noted that there is no difference between the behaviour of Tyrolean women and Tyrolean men, neither were women immune to the proposals of the regime, nor did their female identity give them retrospectively a more critical and emotional standpoint with regards to the victims of the regime. Astonishingly openly expressed antisemitic and racist statements explain a clear immunisation to the democratic and human rights oriented attitudes of the second Austrian Republic. Hence did not only men contribute to the perseverance of authoritarian, xenophobic and discriminator attitudes, but also women, mothers and teachers who passed them down, consciously or subconsciously, to the next generation.