«laene Kraft zu einer geachteten, einflußreichen Stet-
lung im bürgerlichen Leben, zu einem nützlichen Gliede
der Gesellschaft emporgeschwungen, hat segensreiche
Institutionen organisirt und verbreitet, hat ln uner-
müdeter Thätigkeit und Liebe zur Sache seines be¬
schwerlichen Berufsamtes gewaltet, hat nut seiner
Kraft eine ganze Generation gekräftigt und, wie
er so im Frieden dem Vaterlande erfolgreiche Dienste
geleistet, hat er auch dreimal im Kriege sein Leben
für dasselbe in die Schanze geschlagen.
Das Staatsoberhaupt erkannte durch mehrfache
Auszeichnungen die Verdienste des bescheidenen Man¬
nes an und Dank und Liebe von Tausenden und
aber Tausenden seiner Schüler und Freunde folgte
ihm in das Grab, in das der in der Vollkraft des
MauneSalterS Stehende plötzlich durch eine jähe Krank¬
heit, eine Eiche durch den Blitz, gestürzt wurde.
Franz Thurner wurde geboren am 25. October 1.828
in Innsbruck. Sein Vater, gleiches Namens, war
Seilermeister hi-r, seine Mutter hieß Nothburga
Krainer. Er besuchte die Normalhauptschule, lernte,
nachdem sein Vater bereits 1835 gestorben war, bei
seinem Stiefvater, dem Scilermeister Carl Lippert in
Wilten (jetzt Marschcommissär) vom 1. August l841
bis dahin I84ch zunftmäßig daö Seilerhandwerk und
erwarb sich den Lehrbrief von der bürgerl. Seilerzunft.
Am 21. April 1845 verließ er seine Heimat und
begab sich auf Wanderschaft in die Fremde. Doch
nicht nur sich in seinem Handwerk zu vervollkomm¬
nen. war das Ziel und Augenmerk seiner Reise; er
benützte, wie sein mit größter Genauigkeit und Aus¬
führlichkeit geschriebenes Tagebuch beweist, seine Wan¬
derjahre auch, um Welt, Leben und Menschen kennen
zu lernen und versäumte nirgends sich alle Merkwürdig¬
keiten in Stadt und Land zu besehen und dieselben
durch ausführliche Beschreibungen im Tagcbuche seinem
Gedächtnisse zu erhalten.
So zog unser Handwerksbursche, dort und da auf
längere oder kürzere Zeit Arbeit nehmend, über Mün¬
chen, Negensburg, Nürnberg, Frankfurt, Köln, Düssel¬
dorf, Nhmwegen und Rotterdam nach Amsterdam und
kehrte über Bremen, Hamburg, Schwerin, Stettin,
Königsberg, Berlin, Leipzig und Dresden, Prag,
Wien, Budapest unv Graz am Ende des Jahres 1846
in seine Heimat zurück, um als Meister das Seiler-
geschäst seines Vaters zu übernehmen. Daö führte
er denn auch bis zum Jahre 1855 fort, wo sich ihm
plötzlich eine neue Laufbahn Sfsuete, zu der er sich
ganz aus persönlicher Neigung und lebhaftem Inter¬
esse bereits auf seiner Wanderschaft vorbereitet und
qualificiert hatte, und die fortan sein Lebenöberuf
werden sollte.
Unser Seilermeister wuree nämlich vom Präsidium
deß Tiroler Landtages im November 1855 zum Amte
eines akademischen Turnlehrers berufen. Wie so das
gekommen, wollen wir rem geneigten Leser erzählen,
können hiebei jedoch nicht verhehlen, daß wir nothge-
drungen eineck Rückblick auf die Entwicklung der edlen
Turnerei selbst in unserem lieben Innsbruck voraus¬
schicken müssen, da sie mit Thurners organisatorischer
Thätigkeit auf'S innigste zusammenhängt, ja demselben
eigentlich Pflanzung und Pflege verdankt.
Aus der Wahrnehmung der dermaligen Blüthe und
Verbreitung des Turnens in den Städten Tirols
darf man nicht den Schluß ziehen, daß dasselbe eine
alteingelebte und im Laufe langer Jahre zur Ent¬
wicklung gelangte Institution sei; wohl aber ist man
berechtigt anSzusprechen, daß seine Verbreitung nebst
den staatlichen Maßnahmen zur Einführung desselben
als obligaten und falultativen UnterrichtSgegenstandeS
in den Schulen vorzüglich der warmen Begeisterung
und dem ausdauernden Wirken von Männern zu
danken war, welche trotz der Schwierigkeiten und Vor-
rrrtheile, denen sie hiebei begegneten, mit Leib und
'L-eele für seine Pflege und Verbreitung thätig waren
und die Sorge dafür zu ihrem LebenSberuse machten.
Man kann wohl sagen, bis auf den Namen selbst
war die edle Turnkunst in unserer gleichwohl damals
schon auf bedeutender Culturstufe prangenden Haupt¬
stadt unbekannt und nur, auf der staubigen Schul¬
bank unruhig hin- und herrutschend, mochte so man¬
cher Gymnasiast bei der Schilderung der gymnastischen
Spiele der griechischen Jugend sich nach dem freien,
heueren Leben der Palästra sehnen und den Unter-
Ichied des modernen vom antiken Gymnasium trübselig
empsinden. ? i ' »
Da w enn wir nicht irren, über Anregung und
Drrantwortlicher Redacteur: Joh. Georg Obrisk
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Berufung seitens des damaligen, noch bei seinen
Schülern in guter Erinnerung lebenden Universitäts-
Professors, Hieronymus v. Scari — tauchte Mitte
der 40er Jahre, ein kleines doch untersetztes Männ¬
chen mit freundlichem Gesichte, rothem Vollbart, mit
feinen Manieren aber stählernen Sehnen, in Innsbruck
aus und ertheilte einem Kreise studirender Jünglinge
— meist Beamtensöhne— privatim Unterricht in der
„Gymnastik", erst im Goldnen Dachlgebäude, sodann
im Pavillon des HosgartenS und in den Nedonten-
Localitäten. Dieser Mann war Hr.Lerlh aus Wien.
— Da sich der Schreiber dieser Zeilen zu seinem
Gaudium unter den ersten glücklichen Theilnehmern
,an diesem Unterrichte befand, so ist er in der Lage
zu versichern, wie dabei die bis dahin unterdrückte
Jünglingsnalur sich der Gefühle ihrerKraft und Reg¬
samkeit freute, wie sich Nerven und Wehnen und mit
ihuen der Geist frohmuthiz spannte, gleich der nahezu
verschmachteten Pflanze nach einem erfris-üenden Regen.
Es scheint heutzutage geradezu unglaublich, daß von
den Zeiten deö Mittelalters an, da freilich mit der
körperlichen Ausbildung die geistige nicht gleichen
Schritt hielt, Jahrhunderte hindurch, etwa die schönen
Zeiten und Länder der Renaissance ausgenommen,
fast gar nicht mehr daran gedacht wurde, daß, und
Männer zu erziehen, die Leibes-Uebung mit dem Exer¬
citium des Geistes Hand in Hand gehen müsse. Die
Gesundheitslehre unserer Altväter war nur geschaffen,
den Körper ,zu verweichlichen und zu verzärteln und
ihre Vorschriften von Leibesübungen kulminierten iir
den classischen versus Memoriales wie: l^ost eosuaur
stabis vel passus milla meabis, welche jetzt nur noch
in den Katechismus für Staatshämorrhoidarier ver¬
wiesen zu werden verdienen.
Davon hatte man keine Ahnung, daß ein wohlge¬
übter und ausgebildeter Körper nickst nur die Grund¬
bedingung leiblicher Gesundheit, sondern auch jeder
schöpferischen Wirksamkeit im Leben ist, wie Leopards
so treffend in seinem Dialoge: Tristan und ein Freund
bemerkt: „Der Körper ist der Mensch: denn, um von
allem Anderen zu schweigen, Hochherzigkeit, Muth,
Leidenschaften, Fähigkeit zum Handeln und zum Ge¬
nießen, alles, was das Leben edel und lebendig macht,
hängt von rer Vollkraft des Körpers ab und ist ohne
dieselbe nicht möglich. Wer einen schwachen Körper
hat, ist kein Mann, sondern ein Kind, ja schlimmer,
denn es ist sein Schicksal, zuzuschauen, wie die An¬
deren leben; er selbst kann höchstens schwatzen, aber
das Leben ist für ihn nicht vorhanden."
Erst den philantropischen Bestrebungen der Deut¬
schen am Wchlusse des vorigen Jahrhunderts war eS
vorbehalten, die Ausbildung der Anlagen im physischen
Menschen zur Schönheit und Brauchbarkeit des Kör¬
pers zunächst theoretisch als Erziehungsprincip, auf¬
zustellen, bis dasselbe durch GutS-MuthS zuerst prak¬
tisch verwirklicht und durch Jahn zur weiteren syste¬
matischen Entwicklung und höheren Bedeutung ge¬
bracht wurde.
Doch noch ein halbes Jahrhundert sollte vergehen,
bis diese Principien auch in Oesterreich Wurzel zu
fassen begannen und nun war mit Lerth auch die erste
Schwebe nach Tirol gekommen.
Während sich der Kreis der jugendlichen Schüler
LerthS immer mebr erweiterte, begann eö auch in den
Gliedern Erwachsener sich zu regen und zu strecken,
und Professoren. Beamte, Kaufleute gaben sich
gleichfalls unker LerthS Leitung gymnastischen Uebun¬
gen hin. Manche Ehefrau soll schon damals infolge¬
dessen eine auffallende Veränderung im Humor und
Appetit ihres sonst etwas sauertöpfischen Gatten war-
genommen haben.
Nach LerthS Abgang auS Innsbruck übernahm bald
Turnlehrer Dobrovich den Unterricht unv nach dessen
Tode 1855 trat, wie oben bemerkt, Franz Thurner
an seine Stelle.
Bevor nämlich noch die „Gymnastik", zuerst als
Treibhauspflanze, durch Lerth in Innsbruck eingeführt
wurde, hatte unser Handwerksbursche auf seinen Wan¬
derungen durch die deutschen Städte bereits allent¬
halben ein regeö Turnerleben vorgefunden und, durch
seinen eigenen herkulischen Körperbau hiezu wie prä-
destinirt, vielleicht auch durch seinen Namen (iwnwn
— oiusn) zum Turnen sich berufen fühlend, und be¬
reits früher, wenngleich nicht systematisch, körperlich
wohlgeübt, dazu vortrefflicher Wchwimmcr, hatte er
mit regstem Interesse die Einrichtung und die Ziele
— -HcrauSgcgebtn von der ßWagtter'schen ttiilvnsitätS-!
dieser Uebungen in den dortigen Anstalten und Ver¬
einen verfolgt.
Zurückgekehrt nach Innsbruck versammelte er als¬
bald einen Kreis von Handwerks- und Gesinnungs¬
genossen um sich, ein Locale wurde auSgemittelt, Ge-
räthschaften wurden angeschafft, einschlägige Schriften
studirt unv solchergestalt frisch, fromm, fröhlich, frei
ein zwar nicht behördlich genehmigter, aber durchaus
harmloser Turnerbund, völlig unabhängig von der
gymnastischen Schule Lerth's, gestiftet. Nach des Ta-
geS Mühe und Arbeit versammelten sich die wackeren
Gesellen in ihrem Turnlocale und oblagen wetteifernd
und mit Leidenschaft dem neuen fröhlichen Exercitium.
DaS Haupt und die Seele dieser Verbindung war
aber unser Thurner, der damit in der jugendlichen
Bürgerschaft der Stadt ein Ansehen unv ein Ver¬
trauen g-wann, das er bald auch zu anderen löblichen
Zwecken ausnützen sollte. Es bleibt aber das durch¬
aus selbständige Verdienst ThurnerS, zuerst in Inns¬
bruck und wohl auch in Tirol die edle Turnerei im
Volke selbst eingebürgert und zur Pflege gebracht zu
haben. (Fortsetzung folgt.)
VereinSNtlcheitHten.
Innsbruck, 19. Juli.
Morgen Sonntag den 20. Juli Vormittags
10 Ühr findet im Vetsaale, Erlerstraße Nr. 13,
„Evangelischer Gottesdienst" statt.
^ Montag Abends 8 Uhr außerordentliche Haupt¬
versammlung der „Freiwilligen Feuerwehr" in der
Schießstandshalle. Gegenstände der Tagesordnung:
1. Wahl der Abgeordneten für Kufstein, 2. Bericht
über den festlichen Gaulag in Kufstein und 3. Ver¬
schiedenes. Laut §. 3 der Geschäftsordnung werden
auch die Mitglieder der Löschdircction hiezu eingeladen
und laut Z. 6 müssen Anträge schriftlich 24 Stunden
vor der Versammlung beim Obercommandanten abge¬
geben werden. Zahlreiches Erscheinen auch der Ord-
nnngSmannschaft höchst nothwendig. — Morgen nach
6 Uhr Früh werven Placate das Nähere des Wald-
festeS bringen.
TelMirOjsche Depesche».
3l8r'ett» 18. Juli. Die „Polit. Eorrespondenz"
melret aus Konstantinopel die Demission Kheireddin
Pascha'S. Derselbe verlangt ein homogenes Ministe¬
rium. Gestern zogen 400 mohamedanische Arsenal¬
arbeiter vor die Pforte und forderten die Auszahlung
der Lohnrückstände. Das Militär zerstreute dieselben.
Nom, 18. Juli. Der Präsident der Kammer,
Farini, legte das Präsidium ni'erer. Die Kammer
verweigerte die Annahme.' Die Negierung beantragt
die Annahme des Biahlsteuer-Entwurfs nach den
Senatsbeschlüssen, sodann die Genehmigung einer wei¬
teren Vorlage, wodurch eie Mahlsteuer herabgemindert
und bis 1884 vollständig abgeschafft wird. Die Com¬
mission stimmte den Anträgen zu.
ÄZersmltcs, 18. Juli. Die Commisston des
Senats für die Rückkehr nach Paris trat der Fassung
der Kammer bei, wonach den Präsidenten der beiden
Kammern die birecte Requirirung von Militär ge¬
stattet ist.
London, 18. Juli. Ein Abgesandter des Königs
der Zulu Cetewayo ist am 26. Juni mit Friedens¬
vorschlägen im Fort Napoleon angekommen. Wolseley
verlang,, Cetewayo solle drei der hervorragendsten
Räthe als Unterhändler in das brittische Lager ent¬
senden.
Buktlvest, 18. Juli. Demeter Ghika wurde mit
der Bildung deS CabinetS betraut.
(Lorrespondenz der Skedaction.
1. in II. Sie sind vollständig im Jritpi»»:, w^inr
Sie annehmen, das! Zeitniigs - gledaciionen M-nnner rne,
von denen sie aus irgendwelche» Gründen keinen webraua»
machen konnlen, zurückzuucllcn pflegen. .MM A^>,>
einer ganz besonderen vorherigen Vereinbarung- /^r
picrkorb, welcher, wenn er raöt, lei» Opur haben wul»
gibt dasselbe nicht so leicht wieder frei.
f u rt. Wir werden mit sogenannten „peulllcton - Gor-
rcsvondenzcn" förmlich übciflnthet und können auS denr
einfachen Grunde nicht darans r.stecilrcn, well wir erstens
ein eriählendeö Feuilleton üb rbs»l'I /"K-^wcn and
zweitens, weil unö Öriginalarbeilen in Hnllc und ^nlla
zn Gebote stehen. Dies zu Ihrer ges. Kenntiulinabme.
NL-- Mit dein ü"- J.chicSbcricht und NechnungSabschlust
der Sparc-'sse der Stadt Innsbruck für dnü Jahr
Z 878 als Beilage und einer Extra-Beilage
— Druck drr MTllJNer'schen Bnchdrnckerei.