Ausland.
Innsbruck, 10. Juli.
«ob Rom, 16. Juli- (Original-Correspondenz des
„Boten".) ES ist wirklich sonderbar; in Oesterreich
schmäht und verspottet man vielfach die von dem
Grafen Andrassh verfolgte Orientpolitik, hier aber
zollt nian dieser Bewunderung und verfolgt die Re¬
sultate dieser Politik mit neidischen Blicken. Es er¬
scheint einem hier wirklich unenträthselbar, wie so eine
Politik, welche Oesterreich-Ungarn nicht nur nach allen
Seiten hin die bisher genossene Achtung und das ge-
zollte Ansehen zu erhalten wußte, sondern dasselbe
noch bedeutend vermehrte, wie so eine Politik, welche
die politischen und wirthschaftlichen Interessen Oester¬
reichs auf der Balkan-Halbinsel derart erfolgreich ver¬
trat, daß ihm in nicht zu ferner Zeit hieraus werth¬
volle Früchte erwachsen müssen, wie so eine Politik,
die nicht nur Bosnien und die Herzegowina nebst
dem Sandschak Novibazar und hiedurch die seinerzei-
tige Welthandels-Linie Mitrowitza-Salonichi, sondern
auch Serbien und Montenegro in den Kreis des
österreichischen Wirthschaftsgebieteö zog, derart ver¬
lästert werden kann, wie dies von einem Theile der
österreichischen Presse geschieht. Hier ist man da wohl
ganz anderer Anschauung. Mit aufmerksamen Blicken
verfolgt man jede Bewegung der österreichischen Di¬
plomatie. Man stellt öfters Betrachtungen über die
von jeder einzelnen Macht in der Orientfrage erziel¬
ten Erfolge an und komiiit dabei immer darauf zurück,
daß Oesterreich-Ungarn das Meiste gewon¬
nen hat. Eben auch deßhalb kommt es vor, daß
hiesige Blätter ihre Unzufriedenheit mit den Erfolgen
Oesterreichs ab und zu in mehr oder weniger deut¬
licher Weise Ausdruck verleihen. So schreibt die
„Opinione": „Man pflegt zu sagen, daß Oesterreich-
Ungarn schwach ist, schwankende Finanzen hat und
von den inneren Nationalitäten-Fehden aufgerieben
wird. Alles daS mag wahr sein» aber Oesterreich-
Ungarn hat bereits Bosnien und die Herzegowina
permanent cccupirt, wird im Sandschak Novibazar
eine Garnison haben und gebe Gott, daß es seine
Hände nicht auch nach Albanien ausstrecke. Diesen
ohne leeres und lügenhaftes Geschrei und nur in¬
folge einer klugen und autoritativen Politik erreichten
außerordentlichen Territorialvergrößerungen hätte Ita¬
lien seine freundschaftlichen Bedenken entgegensetzen
können.
^ Wie sich denken läßt, ist der Prinz Napo¬
leon während seines kurzen Aufenthalts in England
auf Schritt und Tritt von den Agenten der franzö¬
sischen Negierung überwacht worden; der Bericht der¬
selben soll nun dahin lauten, daß der Prinz weder in
London noch in Chislehurst mit irgend einer der an¬
wesenden bonapartistischen Notabilitäten eine politische
Unterhaltung geführt und überhaupt seine Söhne
keinen Augenblick verlaflen habe. ES beweist dies
nur, daß der Prinz Napoleon nach wie vor ent¬
schlossen ist, trotz aller Protestationen der CassagnacS
und Consorten jede politische Kundgebung zu ver¬
meiden.
^ Der „Politischen Correspondenz" wird von einer
der türkischen Negierung nahestehenden Seite aus
Konstantinopel unterm 11. Juli geschrieben: Die
Berichte aus Philippopel über die Unruhen, deren
Schauplatz die Stadt Karlovo kürzlich war, schildern
den Verlauf derselben in einem weit schlimmeren
Lichte, als man im ersten Momente glauben mochte.
Es steht heute fest, daß der brutale Ueberfall seitens
der Vulgaren, dem die jüdischen Emigranten bei ihrer
Rückkehr nach Karlovo zum Opfer sielen, von den
Localbchörden selbst geduldet wurde. Herr Veneziani,
der Vertreter des Herrn von Hirsch, welcher sich an
Ort und Stelle begeben hatte, um für die Neinstallation
dieser unglücklichen Familien Vorsorge zu treffen, bätte
fast seine Aufopferung mit dem Leben gezahlt. Nur
mit größter Mühe gelang eö ihm. diese Unglücklichen
vor der Blutgier der Bulgaren zu retten und sie nach
Philippopel zu befördern. Das HauS, wohin er sich
mit den seiner Obhut anvertrauten Familien geflüchtet
hatte, wurde mit Steinen beworfen, und die bulgarischen
Notablen des OrteS hatten versucht, die Wagen, auf
denen die Emigranten angekommen waren, wegzuschicken,
um ihre Flucht zu vereiteln. Während dirscr Zeit
waren die Localbchörden nicht sichtbar, mn so batte
der Pöbel volle Freiheit, sein Müthchen an den Un¬
glücklichen zu kühlen. Mit großen Geldopfern gelang
LL3»
eS Herrn Veneziani die Wagen zum Bleiben zu be¬
wegen, um auf diese Weise seine Schützlinge nach
Philippopel bringen zu können. Mehrere Emigranten
waren bereits schwer verwundet. Die Bulgaren in
Karlovo haben übrigens zu gleicher Zeit gegen die
muselmännische Bevölkerung sich arge Excesse zu Schul¬
den kommen lassen. Diese Gewaltthätigkeiten haben
sich übrigens auch in anderen Orten in Ost Rumelien
wiederholt. Ueberall herrscht große Aufregung unter
den Vulgaren, welche sich der Rückkehr der Emigranten
mit den Waffen in der Hanv widersetzen wollen. Die
Aufmerksamkeit Aleko Pascha's wurde von den Delegirten
der Mächte ernstlich auf diese Thatsachen gelenkt und
die Provinzial - Negierung von allen Seiten bestürmt,
energische Maßregeln zu ergreifen, um diesem beklagenS-
werthen Zustande, welcher ernste Consequenzen nach
sich ziehen könnte, ein Ziel zu setzen. In Folge der
von den Commissären Englands und Italiens im Auf¬
träge ihrer Regierungen gemachten Schritte wurde eine
Untersuchung in Karlovo angeordnet, um die «schuldigen
zu bestrafen. Ans all' den Vorgängen ist zu ersehen,
daß die Pforte sehr bald in die Lage kommen könnte,
die Balkan-Pässe durch türkische Truppen besetzen zu
lassen.
^ Wie auS Athen vom 16. ds. berichtet wird,
ist der griechische Gesandte in Konstantinopel, Kon-
duriotiS, beauftragt worden, bei der Pforte die Er¬
öffnung der neuen Verhandlungen in Betreff der
Berichtigung der griechisch-türkischen Gränzen aber¬
mals zu urgiren. In griechischen NegierungSkreisen
herrscht die Ueberzeugung, daß mit Ausnahme Eng¬
lands wohl alle übrigen Großmächte den Anspruch
Griechenlands auf Janina unterstützen dürften.
Loca!- und ProvmziaL-Cljronik
Innsbruck, 19. Juli.
^ Der deutsche Kaiser Wilhelm I. wird Diens¬
tag den 22. d. Mtö. Vorniittags in Kufstein eintreffen
und mit Separatzug,i;ber Wörgl aus der Giselabahn
nach Gastein fahren.
^ K. k- und National - Theater. Das
Kärntner-Quintett der k. k. Hofoper in Wien,
gegründet im Jahre 1877, bestehend auS den Herren
Johann Birnbaum, Carl Bruckner, Mitglieder der
k. k. Hosoper, Vincenz KinSkh, Thomas Koschat und
Ferdinand Graf, k. k. Hofcapell - Sänger und Mit¬
glieder der Hofoper, welches am Freitag, den 25. d.,
im hiesigen Nationaltheater sich produciren wird
(und zwar nur dies einemal)hat in Wien eine solche Be¬
liebtheit errungen, daß keine größere Soiröe oder
Festivität in der Kaiserstadt stattfindet, zu welcher
das Kärntner-Quintett nicht gezogen würde. Einem
uns vorliegenden ProspcctuS zufolge producirten sich
die Künstler in den beiden letzten Jahren in Soiröe's,
bei Maler Hans Makart, Baron Nathanicl Roth¬
schild, Hofopern Director Jauner, bei Professor Lazarus
Abond der Concordia, bei Baron Erlanger, bei Hrn.
von Aerthaber, beim Jagdfest des Grafen Wilczek in
Seebarn, bei Dr. JaqueS, beim Qberfthofmeister Fürst
Hohenlohe, in der Kurzbauer-Akademie, beim Pro-
ductionS Abend des AlpsnvereineS, bei der Feier zu
Ehren der Dichter Anzengruber, Riffel und Wild¬
brand, bei mehreren Künstlerabenden, im Musilvereine,
sowie bei den Opern-Soiröe's im Grand Hütel, in
der Panline Lucca-Akadeiuie im Carltheater, und auf
Allerhöchstes Verlangen bei der Theater
parä Vorstellung zur Feier der silbernen Hochzeit
des Kaiserpaares im Operntheater. Nach der
Production des Quintetts in Graz schrieb die „Grazer
Zeitung" folgenden Bericht: „Die Volkslieder der
Bewohner unserer Alpenländer üben in ihrer Einfach¬
heit, in ihrer Ursprünglichkeit stets einen eigenthüm¬
lichen Reiz auf den Hörer auS; kommt eine Vor¬
tragsweise dazu, gleich der des Kärntner-Quintett'S,
so wirken diese' Volkslieder noch ungleick fesselnder.
Die das Kärntner-Quintett bildenden Künstler, die
Herren: Birnbaum, Bruckner, KinSkh, Graf und
Koschat nicht bestrebt, sich einzeln hervorzuthun, sichern
sich durch das sorgfältige Zusammenwirken stets einen
schönen Erfolg. Von ganz besonderem Wohllaute ist
ihr I'iaiiissimo, dessen Pflege sich die Künstler mit
Recht angelegen sein lassen.
Die „Grazer Tagespost" berichtet: Die Vorträge
des Quintett'S zerstreuten mit der Macht der vollen¬
deten Thatsachen (vollendet in jedem Sinne) alle Be¬
denken. Man hört trefflich stiidirte Gesänge von
volkSthümlicher Färbung: mit hübschen Stimmen' an«»
geführt. Namentlich- besitzt der erste Tenor- ausneh¬
mend schöne Mittel;. daS ist einmal ein ursprünglicher,
gesunder Tenor, bei dem es Einem nicht Angst und
Bange wird, wenn es über das x hinauf geht. Auch
das Falsett weiß er geschickt zu behandeln. Der
Bariton Hr. KinSkh- bot auch Soloproductionen, und
bewährte sich namentlich in „Widmung" von Schu¬
mann als Sänger von Geschmack. Unter den Ge-
samnitoorträgen mutheten uns am nieisten das schot¬
tische Volkslied von Herbeck, und „Verlassen" vorr
Koschat an. Die Gesellschaft, bestehend aus den
Herren: Birnbaum^ Bruckner, KinSkh, Graf und
Koschat, erntete für ihre Vorträge, Hr. Koschat auch
als Componist, lebhaftesten Beifall. Mehrere Piecen
mußten wiederholt werden. In ähnlichem Sinn?
äußern sich auch alle „Wiener Journale."
11. Hlckt» 17. Juli. Unser Städtchen wurde ge¬
stern wieder einmal mit einer außergewöhnlichen
Festivität beehrt, indem der Cäcilien-Diöcesan-Verekn
aus Brixen hier eine Versammlung abhielt, woran
sich ziemlich viele Freunde der Kirchenmusik von Näh
und Fern betheiligten; namentlich war der geistlich?
Stand sehr stark vertreten, so daß die Zahl der Prie¬
ster die Ziffer 150 überschritten haben soll. Vor¬
mittags 10 Uhr war in der Pfarrkirche feierliches
Hochamt, hierauf im ersten Stockwerk? der Seidner'--
schen Brauerei geschloffene Vereins-Versammlung^
Nachmittags 3 Uhr Vesper mit Gesang, hernach Fest-
anSflug und GesangSproduction im „Rößl"-Garten,
vor dessen Eingang eine österreichische und eins päpst¬
liche Flagge aufgehißt waren. Diese Unterhaltung,
deuerte bis in die späten Abendstunden hinein'.
chst Niederdorf» 17. Juli. Der durch sehr viele
Jahre und durch seine stets außerordentliche Thätig¬
keit und aufopfernde Menschenliebe, sowie durch sein
angenehmes gemüthliches Wesen im gesellschaftlichen
Kreise hierzulande überall bekannte Gemeindeamt Franz
Kunater ist gestern nach kurzer Krankheit im Alter
von 75 Jahren in ein besseres Jenseits abberufen
worden. In der Gemeinde Niederdorf herrscht hierüber¬
allgemeine Trauer. Er ruhe im Frieden! Hoffentlich
gibt eine gewandte Feder eine genaue Biographie
dieses in vieler Hinsicht bedeutungsvollen Mannes.
(Wir erklären uns 'zur Aufnahme einer wahrheitsge¬
treuen Biographie recht gerne erbötig A v. Red.)
Bozen, 17. Juli. Die heutige „Bozner Ztg."
schreibt: In der ersten Hälfte des Monats Juli zeich¬
nete sich die Witterung durch eine ganz abnorme
Veränderlichkeit aus. Sonnenschein und Regen,
schweres Gewölk und heiterer Himmel zeigten sich, in
beständigem Wechsel. Einige Male schneite es auf
der Schlernhöhe an,' einmal drang der Schnee sogar
bis zur Sarnerscharte (2456 M.) herab. Die Folge
war, daß die Temperatur von 33" -j- C. bis auf
14" herabsank. Die rasche Entwicklung der Traube
am Juuischlusse machte bald der entgegengesetzten Er¬
scheinung, dem Stillstände, Platz, und der häufige
Wechsel von Regen und Sonnenschein rächte sich
schließlich, allerdings nur strichweise, durch das Auf¬
treten des Rostes. Demungeachtet läßt sich über den
Stand des WeinstockeS noch immer sagen, daß er
kein schlechter, wenn auch nicht ein hervorragend guter
sei, und wohl noch zur Hoffnung auf eine mittelgute
Lese vollauf berechtige. Auch Heuer kann man die
seltsame Wahrnehmung machen, daß gerade die billige
Bodentraube sehr schön gedeiht und in einer fabel¬
haften Reichlichkeit, während, wie man sich durch den
Augenschein überzeugen kann, die Klagen, die in
Ueberetsch mitunter laut werden, keineswegs ohne alle
Berechtigung sind. Wie gesagt, im Großen und
Ganzen würde nian zufrieden sein, wenn das glücklich
zur Reife käme, was sich heute zeigt.
Nachrichten über Schkeßstands- und Landes-
tiertheidigurrgstvesen.
^ Innsbruck. Morgen Sonntag GcsellschaftS-
schießen im k. k. LandeShauptschießstand.
Franz T h u r n e r.
Nekrolog.
Am 17. Juni hat unsere Stadt, hat das Vater¬
land einen Mann verloren. Das kann wenig oder
viel sein. Dieser aber war ein Mann im vollsten
und edelsten Sinne des Wortes, ein Mann von
echtem deutschen Schrott und Korn, ein ganzer Mann.
Stark an Leib und Seele hat er sich durch seine