rer in Ehrfurcht und Schmerz und die Verzweiflung
sie überwältigt? Sie fassen seine Hände, sie noch
einmal zu drücken, sie fassen sie und können sie nicht
lassen, sie wollen ihn festhalten, sie können eS nicht
ertragen, daß er von ihnen scheiden soll für immer,
daß das theure Leben in wenigen Augenblicken von
der mörderischen Kugel dahingerafft werden soll. Nur
abgebrochene SchmerzenSrufe, der theure Name, ein
„Verlaß uns nicht", „Muß eS denn sein?" , scheint
sich dem geöffneten Munde zn entringen — ach für
diesen Jammer hat die Sprache keine Worte, nur das
Stöhnen der Hilflosigkeit, der Verzweiflung.
Und wie hat eS der Künstler verstanden, diese vom
Schmerz überwältigten Bauerngestalten in dem Aus¬
druck ihres ungebändigten Jammers mannigfaltig und
doch so durchaus wahr und unverfälscht zu charak-
terisiren. Anbetende Verehrung und Hingebung, ohn¬
mächtiger Schmerz und starres Entsetzen vor dem Un¬
geheuren, das geschehen soll, mischen sich auf Aller
Mienen; doch während die einen betäubt und ange¬
wurzelt von ferne nach ihm blicken, sind die nächsten
in die Kniee gesunken nnd halten krampfhaft des Theu¬
ren Hände fest, klammern sich an seinen Arm, den
Blick unverwandt in das verehrte Antlitz gegraben,
das sie zum letzten Mal sehen sollen. Im Vorder¬
gründe hinkt ein Verwundeter auf Krücken ihm ent¬
gegen, den einen Fuß in blutgetränktes Linnen ge¬
wickelt, das gebeugte Haupt mit der Hand stützend,
während unmittelbar vor dem Verehrten knieend ein
Jüngling sein Gesicht schluchzend in die Hände be
gräbt und drüben ein Anderer, den Anblick des Hel
den nicht ertragend, an die Mauer gelehnt seinen
Schmerz ausweint, ein Letzter, den einen Arm in der
Schlinge, auf Dreien sich die Treppe herauf ihni ent¬
gegen rafft.
Und mitten aus dieser treuen Schaar, die auf den
harten kalten Steinfliesen deSTHoreS ihn stehend oder
hingeworfen umringt, erhebt sich, den linken Fuß zum
Weitergange fest vorgesetzt, die stämmige, kräftige Ge
stalt des Helden in seiner Passeirertracht, breitschul
terig, mit hochgewölbter Brust, das Haupt erhoben,
den Blick nach den ferner stehenden Genossen gewen¬
det, mit einem muthigen Worte auch sie ermunternd
rrnd tröstend, da seine Hände von den nächsten fest¬
gehalten sind. Kein Zug theatralischen Heroismus'
entweiht die edle Schlichtheit dieser Gestalt, die uns
einzig durch die Männlichkeit der Haltung und die
Kraft des Gliederbaues, keiner eie Würde der GesichtSzüge,
die uns nur durch den Ernst des Ausdruckes und
die Festigkeit des Blickes imponiren, ein Eindruck, der
durch den Gegensatz wesentlich gesteigert wird, in
welchem die Gefaßtheit und ausrechte Würde des
Helden zu der gebrochenen Haltung der ihn Umgeben¬
den steht, so daß er geistig wie körperlich mächtig
über dieselben hinausragt.
Das ist der tragische Held, der für seine Idee in
den Tod geht. Er hat bereits überwunden. An die
„liebste sein oder Wirthin" hat er schon seinen letzten
Gruß und Trost gesandt, seine letzten Anordnungen
sind getroffen; was er auf Eiden zurückläßt, das be¬
klemmt ihm daS Herz nicht mehr. Die weltliche Sorge
ist abgestreift, geläutert und versöhnt mit seinem
Schicksal stimmt er nicht ein in die Klage der treuen
Schaar um ihn; vorwärts blickt sein Geist und sein
Mund hat nur noch Worte des Trostes, der Erbau¬
ung. Der Widerschein aus einer andern Welt, der
er mit Glaube und Hoffnung entgegenschreilel,. um¬
wittert seine Züge.
Mit Fug hat der denkende Künstler in dem Ange¬
sichte des Helden die gewisse behäbige Breitspurigkeit,
die lebhafte Färbung der Wangen, die strotzende Fülle,
die wir von seinen verbreitetsten Bildern an ihm zu
sehen gewohnt sind, gemildert. ES ist geschichtlich er¬
wiesen, daß der zweimonatliche Aufenthalt in der
Sennhütte des PaffeirerthaleS, wo er sich verborgen
gehalten, im Eis und Schnee des Winters, die schlechte
Nahrung, die Kälte, vor Allem aber der entsetzliche
Wechsel der Eindrücke und Empfindungen seit Mitte
October, der in der Tbat das Aeußerste menschlicher
Kraft überragte, seine Riesennatur in ihren Grund¬
festen erschüttert hatten.*) DcrKünstler durfte auch
die Spuren der vorhergegangenen Kämpfe, Strapazen,
Entbehrungen und aufreibenden Seelenleidcn diesem
Antlitze nicht vorenthalten, und mit Recht erscheinen
Geschichte Andreas HoferS wie oben II. Vaud, 520 ss.
die Züge desselben im Vorgefühl des nahen Todes,
in der gläubigen Erwartung des Jenseits geklärt, ver¬
feme, t, vergeistigt.
Wenn daher auch mancher bei oberflächlicher Be¬
trachtung in diesem Kopfe die traditionellen
Züge seines SandwirthS nicht wiederzufinden glaubt,
so kann dies dem Künstler nicht zum Vorwürfe ge¬
reichen. Abgesehen davon, daß wir überhaupt kein
authentisches Bild HoferS besitzen und daß die vor¬
handenen unter sich wenig Aehnlichkeit haben, *) daß
daher der Meister berechtiget gewesen jfwäre. einen
Hofer darzustellen , wie ihn seine Künstlerphantasie
aus deffen Charakter und Geschichte sich bildete, ist
nicht zu verkennen, daß di-ser Kopf auf Defregger'S
Gemälde mit dem historischen schwarzen Vollbarte
auch in der Zeichnung der Gesichtslinien von den
uns zumeist vertraut gewordenen Hoferbildern nicht
abweicht, und daß, was uns an dem neuen Bilde
etwa anfremdet, das Verfeinerte, Geistigere der Züge,
auf Rechnung der Veränderung zu schreiben ist, welche
die erlebten Mühsale der letzten Monate und vor
Allem die Bedeutung des Augenblicks nothwendig die¬
sen Zügen aufprägten.
Hoser erscheint demnach auf unserem Bilde keines¬
wegs in dem Sinne idealisiert, daß ihm auch nur
ein Zug seiner schlichten volksthümlichen Erscheinung
verkehrt wäre, sondern so natürlich realistisch darge¬
stellt, als eS sich nur mit der Bedeutung der Hand¬
lung des Bildes und mit dem Wesen eines wahren
Kunstwerks überhaupt verträgt; wie denn auch seine
Landsleute, durchaus echte Typen des Tiroler Bauern¬
standes, in Mienen und Geberden, in den schwie¬
ligen Händen und derben GesichtSzügen wie in der
nationalen Tracht die Kunstrichtung des Meisters
nicht verleugnen. Es kann in der That bei der sorg¬
fältigsten Vermeidung alles dessen, was Sinn und
Geschmack beleidigen und den erhebenden Eindruck des
Ganzen stören könnte, keine getreuere Nachbildung
geben, als die Aeußerungen des Volkscharakters in
dieser ergreifenden Scene und nur. einem Manne aus
diesem Volke, wie Defregger, und diesem selten, wird
Gelegenheit geworden sein, den AuSbruch aufs höchste
gesteigerten Seelenlebens unserer Landleute zu be¬
lauschen, wie eS sich hier zeigt, wo die Hand vor
Ehrfurcht, Mitleid, Jammer nach dem Kopfe greift,
gleichsam ihm zu helfen, das Entsetzliche zu fassen und
auSzuoenken, während Auge und Mund rath-, hilf-
und sprachlos nach dem geliebten Gegenstände starren.
Haben wir hier nun in der schön u. ungezwungen auf¬
gebauten , durchaus correkt gezeichneten und in der
edelsten Farbenharmonie gemalten Gruppe echtes, war¬
mes Leben vor uns, so vollendet den bewältigenden
Eindruck die meisterhafte Technik in der Ausführung auch
des Unbelebten. Von dem Steinpflaster im Vorgrunde
bis hinauf zur Thorwölbung und hinaus zur Festungö-
mauer mitder Schießscharteistalles meisterhaft plastisch ge¬
malt und dem Beschauer des Bildes, das auf dem
Boden des Saales ansteht, verschwindet die mächtige
Nahme, er vergißt, daß er eine vertikal gespannte
Leinwand vor sich hat, die Steinfliesen dehnen sich
horizontal vor ihm aus, auf denen die lebensgroßen
und lebendigen Figuren knieen und stehen und er
wähnt selbst Zeuge des ergreifenden Schauspiels zu
sein; zwei, drei Schritte nur und er steht selbst auf
diesen Steinfliesen vor dem ehrfurchtgebietenden Manne
und reicht ihm über den Rücken des knieenden Jüng¬
lings mitergriffen die Rechte.
Und so danken wir eS dem Meister innig, daß er
uns Gelegenheit gegeben hat, wenigstens einmal dieses
Bild zu sehen, in dem er unsern Volkshelden in dem
bedeutendsten Momente seines vielbewegten Lebens so
getreu und edel dargestellt. „Von der Parteien Gunst
und Haß verwirrt schwankt sein Charakterbild in der
Geschichte", doch in Einem sind Alle einig: er ist als
Held gestorben. Keinen besseren Moment als diesen,
der ihm die tragische Größe verleiht, hätte unser
Defregger finden können, ihn und mit ihm sein edles
Abbild unseren Herzen nahezubringen nnd so bleibe
Andreas Hofer in unserem Gedächtniß und gerne
reihen wir uns den ehrfurchtergriffenen Männern zu
seinen Füßen an und blicken bewundernd zu seiner
Heldengestalt auf. Schullern.
*) Friedrick v. Attlmayr, „Die Porträte von Andreas
Hoser". MuseumS-Zcitschklst Jgg. 1878.
Vermischtes.
»*» Hofnachricht. Am 11. dS. ist ln Pari»
der Prinz von Oranien gestorben. (Wilhelm Prinz
von Oranien, Kronprinz der Niederlande, der ältere
Sohn König Wilhelms Ul., wurde am 4. September -
1840 geboren. Er blieb unvermählt. Sein einziger
Bruder ist Prinz Alexander, der nunmehrige Prinz
von Oranien, geb. 1851; gleichfalls noch unvermählt.
Die männlichen Mitglieder des Hauses Oranien sind
zur Stunde: König Wilhelm, der Prinz Alexander
und der 82jährige Oheim des Königs Prinz Friedrich.)
Der internationale wissenschaftliche
Congreß für Literatur wurde in Loneon am
0. dö. Nachmittags unter Vorsitz Edmond AboutS
eröffnet. Derselbe ist bis jetzt schwach besucht. Die
vom Comitä vorgelegten Statuten wurden unverändert
angenommen. Die Verhandlungen werden in fran¬
zösischer Sprache geführt. Für den nächsten Donners¬
tag sind sämmtliche Delegirte von dem Lord-Mayor
in das Mansionhouse zum Diner geladen.
Vereinsnachrichten.
Innsbruck, 14. Juni.
^ Morgen Sonntag den 15. d. MtS. wird inr
Saale des Gesellenhauses die Festvorstellung des
Stiftungsfestes wiederholt. Anfang um halb 8 Uhr^
Abends.
^ Heute Abends präcise halb 8 Uhr Chorprobe
des „Akademischen Gesangsvereins". Nachher Kneipe
in der Hofgarten-Restauration (inneres Locale) aus
Anlaß der Ueberreichung des Ehrendiploms an das
Ehrenmitglied Herrn Josef Ludwig Lutz, 11. Chor¬
meister des Vereins. Zu dieser Feier werden hiemit
alle ordentlichen und außerordentlichen Mitglieder
freundlichst eingeladen. Die Vereinsleitung.
Telegraphische Depeschen.
28ien» 13. Juni. Gegenüber den verdächtigenden
und entstellenden Besprechungen der Absichten der
Regierung bezüglich Novibazars seitens der „N. Fr.
Pr." veröffentlicht die „Pol. Corr." ein Communique,
welches sagt: Ein Beschluß der Regierung betreffs der
Ausführung dieser Convention ist noch nicht gefaßt-
Hält die Regierung diese Ausführung in einem gege¬
benen Augenblicke nothwendig, so werden entsprechend
der Convention Militärs den Zustand der Wege und
Ccmmunicationen und die für die Garnisonen zu
wählenden Orte untersuchen und die zweckmäßigen
Modalitäten des Einmarsches feststellen. Vom Re¬
sultate dieser Erhebungen wird eS abhängen, wie und
in welchem Zeitpuncte die Occupation stattfinde, ob
sie sich auf die in der Convention genannten drei
Puncte oder auf andere Orte erstrecken, oder ob die
Negierung für die nächste Zeit ganz darauf verzichten .
wird. Jedenfalls werden Rücksichten auf die finan¬
ziellen Mittel in erster Linie den AuSschlag geben.
Das Unternehmen wird nur ein Minimum von Kosten
in Anspruch nehmen dürfen, was ganz im Zusammen¬
hange mit den allgemeinen Tendenzen der Negierungö-
politik steht. Eben die Möglichkeit, durch die Con¬
vention alle größeren Auslagen zu vermeiden, bildete
den Grundgedanken beim Abschlüsse der Convention
Dieß ist der autentische Sachverhalt. Wie bisher
immer werden die Thatsachen die beste Widerlegung
von Verdächtigungen bilden, welche jetzt irgend einem
Wahlmanöver zur Basis dienen sollen.
Berlin» 13. Juni. Der Magistrat wählte ein¬
stimmig Forckenbeck zum Vertreter im Herrenhause.
Anläßlich der Nichtamnestirung von katholischen Geist¬
lichen bemerkt die „Nordd. Allg. Ztg.", daß den
Geistlichen die Bedingung der Kundgebung einer Reue
nicht gestellt werben konnte; die Frage liege nicht in¬
dividuell, sondern principiell. Es könne da nicht von
Amnestie, sondern nur von einer principiellen Lösung
die Rede sein.
Correspondenz dev Siedaction.
Brixen. Wurde mit Vergnügen acceplirt und so¬
fort, d. i »nmitt.lbar nach vorgenommener Durchsicht».
in Sah gegeben, mußte jedoch wie noch vieles Andere
ähnlichen Inhalts lediglich auS Rücksichten, die hinsichtlich
der Raumvcriheiliing geboten waren, bisher zurückbleiben-
Wir bitten, nur ein paar Tage noch in Geduld sich fassew
zu wollen. — Cavalese. (11. Juni) Anonyme Zuschrift
ten werden von unö principiell nie berücksichtigt.
Mit einer Exlra-Deilagc.
Verantwortlicher Redacteur: Joh. Georg Obrist. — Herausgegeben von der Waguer'schen Unlversltäts-Buchhandlung. — Druck der Wagner'schen Buchsruckerel.