und dem, der Treue hält, die Krone deS Lebens ver¬
heißt, er erhebe sein Angesicht auf deinen AuSgang
und Eingang und gebe dir seinen Frieden. Amen."
— Anläßlich der Feier bewilligte der Kaiser für hilfs¬
bedürftige würdige Bewohner Berlins zehntausend
Marl aus seiner Schatulle. —Das Kaiserpaar nahm
die Cour des diplomatischen Corps, sowie dessen Glück¬
wünsche, vordem Throne stehend, entgegen. An der Spitze
der demnächst folgenden Fürstinnen und Gemahlinnen
hoher Würdenträger stand die Fürstin Bismarck. Hie¬
rauf folgten die Fürsten, demnächst das Staatsmini-
sterium, an dessen Spitze Fürst BiSmarck, der auf
eine einladende Bewegung des Kaisers näher trat und
seine persönlichen Glückwünsche darbrachte, wofür er
den besonders huldvollen Dank des Kaiserpaares em¬
pfing. Für den Vorstand des Reichstags führte Herr
von Seydewitz das Wort, indem er den Dank des
deutschen Volkes dem Hersteller des Deutschen Reiches
darbrachte. Für den vandtag hielt die Glückwunsch-
Ansprache der Herzog von Ratibor, für die Gene¬
ralität Graf Moltke, dem vom Kaiser und von der
Kaiserin sehr herzlich gedankt wurde. Hierauf folgten
die Provincial - Deputationen. Der Kronprinz hatte
sich an die Spitze der pommerischen Deputation, Prinz
Carl an die Spitze der Deputation der Stadt Flatow
gestellt. Für Berlin hielt Bürgermeister Duncker die
Ansprache; derselbe erinnerte an die Verbindung alt¬
preußischer Tugenden mit deutscher Wissenschaft, welche
König Friedrich Wilhelm III. durch ewig denkwürdige
Thaten inaugurrrte, die Preußen befähigten Deutsch¬
lands Einheit zu schaffen und sein Anrecht auf die
Kaiserkrone begründeten. Der Kaiser erwiderte, in¬
dem er seinen Zusammenhang mit Berlin bekannte,
mit seinem Dank für die Bürgerschaft und für die
Stiftung der Altersversorgungsanstalt. Nachdem die
Cour programmmäßig verlaufen war, kehrte das
Kaiserpaar vom Schlosse nach dem kaiserlichen Palais
zurück. Das Kaiserpaar saß in einem sechsspännigen
Wagen, welcher langsamen Schrittes vom Haupt¬
portale des Schlosses über die Schloßfreiheit und den
Schloßplatz durch das Hintere Schloßportal und von
da über den Lustgarten nach den Linden fuhr. Zu
beiden Seiten des Wagens befanden sich der Gou¬
verneur, der Commandant und der Polizeipräsident
von Berlin zu Pferd. Stürmische Jubelrufe der
Menschenmassen begleiteten das Kaiserpaar unaus¬
gesetzt auf dem ganzen Weg. Im Palais angekommen
trat der Kaiser dreimal auf den Balkon heraus, die
Menge huldvollst begrüßend. Wie verlautet, werden
die einzelnen, anläßlich dieser goldenen Hochzeitsfeier
erslossenen Amnestie-Erlässe zahlreichen einzelnen Be¬
theiligten zugestellt; eine besondere Aufstellung präcis
bestimmter Kathegorien soll nicht stattgefunden haben.
— Die Galavorstellung im Opernhaus ist glänzend
verlaufen. Die Stadt war Abends bis in die ent¬
ferntesten Straßen auf das glänzendste illuminirt.
^ Der „Agence Russe" zufolge hat sich nunmehr
auch Rußland dem Proteste angeschlossen, welcher
von Deutschland gegen die Verletzung der internatio¬
nalen Convention über die gemischten Gerichtshöfe
in Egypten bei dem Chedive erhoben war, und dem
bereits Oesterreich, England und Frankreich zugestimmt
hatten.
^ Ueber die Erhebung in Algerien gehen dem
Globe" folgende Telegramme zu: Alsier, 8. Juni:
"Der Vorsicht halber sind unter die Einwohner von
Lambessa Waffen und Schießvorräthe vertheilt worden.
Einige Gefangene wurden in das arabische Bureau
von Batna eingeliefert. Der Aufstand befindet sich
im statns guo. Seine wahrscheinliche Ursache ist die
Absetzung der Familie Bu-Chrub und ihre Jnterni-
rung in Ain-Beida. Der Häuptling dieses Geschlechtes
übte Erpressungen aller Art, aber er hatte den großen
Vorzug, demselben Berber-Stamme anzugehören wie
seine Untergebenen, während die an seiner statt er¬
nannten Häuptlinge Bachtarzi und Budiaf von türki¬
scher oder arabischer Herkunft und schon darum allein
tödtlich gehaßt waren." Toulon, 8. Juni: „Die
großen TranSportdampser „Creuse" und' „Dryade"
sind hier eingetroffen oder werden erwartet, um Ver¬
stärkungen nach Algerien zu befördern. Für denselben
Zweck hat der Marineminister auch das neue Trans¬
portschiff „Tonquin" seinem Collegen vom Kriege zur
Verfügung gestellt."
^ In Simla, der Sommerresidenz deS Vicekönigö
von Ost-Indien, ist, wie den „Times" unter dem
8. d. MtS. von dort berichtet wird, ein Abgesandter
LL«0
des König- von Birma mit Briefen und Geschenken
für den Bicekönig angenommen. Tr wollte auch eine
Unterredung mit Lord Sytton haben, das wurde aber
bei der Haltung, welche der Hof von Mandalay be¬
züglich des Empfanges des britischen Residenten ein¬
nahm, für unmöglich erkannt. In Mandalay soll
nämlich der britische Resident, wenn er vor das Ant¬
litz des Königs zugelassen werden will, gewisse asiatische
Unterwürfigkeitsceremonien vollziehen, die sich mit
seiner Würde nicht vertragen, und daher sind seine
Audienzen beim Könige unterblieben.
Jocal- und Provlryral-Chronik.
Innsbruck, Is.xJuni.
^ An der hiesigen Universität wurde am 12. ds.
Herr Ferdinand Seegner zum Doctor der Gefammt-
heilkunde promovirt.
^ Das Eintrittsgeld zu Defreggers Hofer-
bild ist von heute Mittags angefangen auf 10 kr.
herabgesetzt. Diese Verfügung wurde getroffen, um
auch den weniger Bemittelten den Zutritt zu ermög¬
lichen, dann Wohl auch aus dem Grunde, weil gar
manche den Wunsch äußerten, das Bild zu wieder¬
holten Malen zu besuchen. Bis gestern Abends war
das herrliche Gemälde, von dem die früher bekannt
gewordenen Photographien seltsamer Weise ein ganz
verschiedenes Bild bereits gegeben haben, von mehr
als 1500 Personen besucht.
^ Der Circus Sidoli weiß seine Anziehungs¬
kraft noch immer zu behaupten; das bewiesen die
letzten Abende, namentlich der gestrige, welcher sämmt¬
lichen Clowns als Benefice zu statten kam und nahezu
überfüllte Sitzreihen wahrnehmen ließ. Außer den
tüchtigen Leistungen zu Pferd fand noch besonderen
Beifall die Production auf dem Seil. Sehr gefielen
wieder, wie Wohl immer, Frl. Serena und der jugend¬
liche Cesare Sidoli, welch' letzterer sich eines Orangen¬
regens zu erfreuen hatte. Wer sich ein Paar ver¬
gnügte Abendstunden bereiten will, kann diesen Zweck
in der That erreichen, wenn er den CircuS Sidoli
besucht. / '' .
I I Borgo, ll. Juni. In engem Kreise der
hiesigen Herren Gerichtsbeamten erfolgte gestern Vor¬
mittags die Decoration des pensionirten Gerichtsdie¬
ners Franz Regensburger mit dem laut a. H. Ent¬
schließung vom 9. Mai d. I. verliehenen Verdienst-
kreuze in dem Amtslocale des Herrn Bezirksrichters,
dasselbe war anläßlich dieses Festes mit dem
durch Guirlanden und Fähnchen gezierten Bilde un¬
seres erhabenen Monarchen sinnreich geschmückt. Ve-
zirkSrichter Herr Dr. Tommazzoli widmete dem alten
und treuen Diener des Kaisers, der nun nach mehr
als 50jähriger stets ehrlich erfüllter Pflicht in den
wohlverdienten Ruhestand tritt, einige herzliche Worte
und nachdem er dem zu Thränen gerührten Staats¬
diener das funkelnde Kreuz an die Brust geheftet,
brachte er ein dreifaches Hoch auf unsern allge¬
liebten Herrscher aus, in welches die Versammelten
freudigst einstimmten. Abends versammelte sich eine
kleine Gesellschaft zu einem Festessen in dem Gasthofe
zur „Valsugana"; bei demselben waren auch Vertre¬
ter anderer Behörden erschienen und fand diese Feier
in dieser Weise ihren würdigen Abschluß.
Nachrichten über Schießstands- und Landes-
vertheidignngswesen.
^ Innsbruck. Morgen Sonntag Gesellschafts¬
schießen im k. k. Landeshauptschießstand.
Hötting. Morgen Sonntag Gesellschafts-
Freischießen und Jungschützenschießen.
^ Avilten- Morgen Sonntag den 15. Juni
um 3 Uhr Nachmittag findet die Wahl des Ober¬
und Unterschützenmeisters im Schießstand statt, wozu
die einrollirten Schützen zu erscheinen eingeladen
werden. — Morgen Kranzgabschießen.
^ Mühlau. Hochzeits-Freischießen des Peter
Kuen, Schützenwirth, am 29. und 30. Juni und
Sonntag den 6. Juli. Drei Hauptbeste mit 20, 15
und 10 fl. Zehn Schleckerbeste von 10 bis 1 fl.
Vier TageSprämien von je 1 fl. für die meisten
Schlcckschüsse und 2 fl. für die meisten Schlecker- -
schwarzschüsse während des ganzen Schießens. Sämmt¬
liche Beste in Silber. Es kann auf 3, 6 oder
9 Schüsse ä 75 kr. eingelegt .werden und werden
5 kr. per Schuß aufgehoben. Der Schreckschuß kostet
10 kr. Gewehr- und Visirfreiheit. Das Nähere im
Ladschreiben. — Gleichzeitig findet auf dem Schieß,
stand« ein Kegelb «st sch eiben im Werthe von
25 fl. mit Leggeld-Gewinnften statt.
Andreas Hofers letzter Gang.
Gemälde von Franz Defregger.
„Ade mein schnede Welt, so leicht khombt mir das
„sterben for daß mir nit die Augen naß werden."
Zu diesen classischen Worten, mit welchen Andreas
Hofer sechs Stunden vor seinem Tode den letzten
Brief an einen Freund schloß, stimmt die kräftige
Gestalt und unerschrockene Miene des Mannes, den
wir, allein aufrecht und ungebrochen inmitten seiner
in Schmerz ausgelösten Waffengefährlen, auf seinem
Todesgange vor uns im Bilde erblicken.
DieS sagt uns der erste Blick auf das Gemälde,
welches, ohne die Rahme mitzurechnen, 9 Fuß 4 Zoll
hoch, 11 Fuß 1 Zoll breit, zu wohlthätigem Zwecke
in der Rotunde des Museums ausgestellt ist und
Tausende von Besuchern anlockt, es zu sehen und
wiederzusehen. Denn die reichen glücklichen Königs¬
berger haben das Bild erworben, das von unserem
Künstler gemalt, eine der ergreifendsten Scenen aus
unserer ruhmreichen Geschichte mit vollen¬
deter Wahrheit des Ausdrucks und in meisterhafter
Composition darstellt und das uns nun trotzdem
bald für immer entführt werden soll in jene ultima
Tünls deS deutschen Nordens, dahin wohl schwerlich
je einer von uns noch in seinem Leben den Fuß
setzen wird.
Vergegenwärtige» wir uns, ehe wir zur näheren
Betrachtung des BildeS schreiten, den Vorgang, wie
ihn uns die Geschichtschreiber schildern.
„Schlag elf Uhr ertönte der Generalmarsch. Es
„rüstete sich ein Grenadier-Bataillon, die Führer des
„Executions»Commando's traten in sein Gefängniß.
„Als er aus demselben an der Porta Molina die
„Casematten vorbeischritt, worin die Tiroler waren,
„lagen alle aus den Knieen» beteten und weinten
„laut; die in der Festung frei herumgingen, waren
„insgesammt auf seinem Wege nah' oder ferne, je
„nachdem die Escorte eS zuließ, warfen sich nieder
„und riefen um seinen Segen." *)
Der Künstler wählte den Moment, da Hofer von
dem Priester geleitet und von der Wache gefolgt, eben aus
der düstern Wölbung der Casematten zur Linken durch
das Thor die Treppen hinab in den äußeren FestungS-
gang, wo die Grenadiere seiner harren, um ihn auf
den Richtplatz zu führen, vorschreiten will, jedoch von
den von allen Seiten zubringenden Waffengefährten in
seinem Gange aufgehalten, umringt, umjammerl wird.
Man sieht, unser Künstler hat sich treu an die
geschichtliche Ueberlieferung gehalten und damit ent-
üäftet sich auch, beiläufig gesagt, das Bedenken, das
dort und da lautgeworden, als läge eS nicht in der
Tiroler Bauern Art, sich zu so ungebändigtem Aus-
drucke des Schmerzes hinreißen zu lassen. DaS mag
im gewöhnlichen Leben, in ruhigen Zeiten seine Rich¬
tigkeit haben. Man bedenke jedoch die aufgeregte Zeit,
die jahrelangen Kämpfe, die vorhergegangen, all die
Leiden und Drangsale der Gefangenschaft, welche die
ruhige Fassung rauben und das Gemüth für Rüh¬
rung und Erschütterung empfänglich machen. Ge¬
brochen in allen ihren Hoffnungen, selbst der Willkür
und Grausamkeit des Feindes preisgegeben, entfernt
von ihrer Heimat, sehen sie denjenigen zum Tode füh¬
ren, der ihr Hort gewesen in all den Kämpfen um
das Vaterland, zu dem sie mit felsenfestem Vertrauen
aufzublicken, an dessen Standhaftigkeit sie die ihrige
zu erlaben gewohnt waren und der nun gefaßten
Muthes, hochaufgerichtet und uneingeschüchtert dem
Tode entgegen geht, ein Held und Blutzeuge für das
geliebte Land, und sie allein und verwaist zurück¬
läßt in der Fremde.
Er hält an, erwidert ihre Händedrücke, auf seinem
Antlitz malt sich die Verklärung des nahen TodeS, er
spricht ihnen fromme Trostesworte — wie ein Hei¬
liger erscheint er ihnen, der bald vor dem Throne deS
Allerhöchsten stehen und sie dort vertreten wird und
das unglückliche Land Tirol.
Ist eS zu verwundern, baß da diese wetterharten
Gestalten zusammenbrechen vor dem todgeweihten Füh-
*1 Geschichte Andreas Hofers, 2. Auflage. Leipzig,
BrockhauS 1845. S. 534, II. Band. Ganz ähnlich be¬
richtet Beda Weber „Das Thal Passeier" und Josef NaPP
„Tirol im Jahre 1609".