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Freitag
Nr. 216
23. September 1910
Wochenkalend e.r: Montag 19. Januarius. Dienstag 20. Eustachius M. Mittwoch 21. ff Quatember, Matthäus, Apostel. Donnerstag 22. Morn. Freitag 23. ff
Thekla I. Cams-tag 24. Gerhard. Sonntag 25. Amelia.
Zu den Prager Konferenzen.
Aus Abgrw rdneteukreisen.
Daß es gelungen ist, gleich am ersten Tage
der Prager Konferenzen eine Einigung über die
TaZesordnungsfrage zu erzielen und damit die
Einberufung des böhmischen Landtages zu er-
möglichcn — die „Jnnsbr. Nachr." haben dar-
} nt«ev im Telegrammteile der Mittwochnummer
!berichtet — ist begreifticherwäse auch'für die
'deutschen Mgeordneten der Aipenländer und
!überhaupt der außerböhmischen Provinzen, eine
fgvoße Überraschung gewesen. Die Informationen
'über die Lage der Dinge in Böhnren lauteten
bis in die Letzten Tage' äußerst ungünstig und
wem glaubte mit dem Feh schlagen der Prager
Konferenzen rechnen zu müssen. In führenden
politischen Kreisen bestand nur die Hoffnung,
daß es möglich sein würde, eine Verschärfung
der Situation und ein brüskes Ab brechen der
Verhandlung-en zu verhüten, aber niemand
f.'laubte, daß schon nach wenigen Stunden eine
. Einigung über die Laudtagssrage gesunden wer¬
den könne. Man darf gewiß dieses erste und
vorläufige Ergebnis der Prager Konferenzen,
so erfreulich es ist, nicht überschätzen und wird
sich vor bent Fehler hüten ürüssen, in der
Schaffung der Voraussetzung für die zu füh¬
renden Verständigungsverhandlungen schon die
Bürgschaft für den nationalen Frieden in Vöh-
men erblicken zu wollen. Eines jedoch geht
zweifellos aus der erfolgten Einigung hervor:
beide Teile, Deutsche und Tschechen, haben ihren
ernsten Willen, die Regelung der nationalen
Frage auf verfassungsmäßigem Wege und im
gegenseitigen Einverständnisse in. Angriff zu
nehmen, 'deutlich bewiesen. Die Beratung der
nationalpolitischen Regierungsvorlagen und der
dazu gehörigen Initiativanträge kann nur in
einer vom Landtage zu wä hi enden Kommission
erfolgen, her Verlauf der Beratungen muß die
Stellung der Parteien ergeben, insbesondere die
Stellung, welche die Tschechen einnehmen, aus
den Verhandlungen dieser Kommission wird sich
auch dann von selbst ergeben, ob und welche
Garanteriesorderungen von den Deutschen aufzu¬
stellen sind; wie es andererseits auch, denkbar ist,
daß die Kommissionsberatung zu einem negnti-
ven Ergebnisse führt. Um die Konnnission ein¬
zusetzen, muß natürlich der Landtag sie wäh¬
len, daher war es auch die allererste Voraus¬
setzung jeder weiteren Beratung, daß eineFwtt-
machung des Landtages soweit erfolge, um die
Wahlen der politischen Kommission mrd die Be¬
ratung der nationalen Vorlagen durch sie'herbei-
zusühren. Was sonst um die Tagesordnungs¬
frage herumgelegt wurde, waren alles nur Fra¬
gen, die aus der Hauptfrage erfolgten, oder
die von tschechischer Seite gemachten Versuche
darstellen, den Schwerpunkt der ganzen Lage
in Böhmen von dem nationalen auf das fi¬
nanzielle Gebiet zu verschieben und so einer
Behandlung der nationalen Frage selbst aus¬
zuweichen. In allen deutschfreiheitlicherr Krei-.
sen hat die Haltung der deutschböhmischen Ab¬
geordneten stets volle Billigung gefunden und
die Verhinderung def Arbeit des böhmischen
Landtages durch die Deutschen ist allseitig als
eine unbedingte Notwendigkeit anerkannt wor¬
den. Es ist nur folgerichtig, daß jetzt, wo
die Sache ernst wird und zur Entscheidung
drängt, auch die Tschechen dem deutichböhmi-
fchen Standpunkte Rechnung tragen mußten.
Der Widerstand der Tschechen gegen die erste
Lesung der nationalpolitischen Vorlagen im Ab-
igdordnetenhause war ebensowenig sachlich be¬
gründet, wie ihr Beharren aus einer Tages¬
ordnung des böhmischen Landtages, die sich
gegen die Wünsche der Deutschen richtete und
darum auch der Zustimmung der Deutschen
entbehrte.
Wie auf anderen Gebieten der nationalen
Entwicklung zeigte die tschechische Politik auch
m der Behandlung der nationalen Frage in
Böhmen selbst einen sonderbaren Zug zu einer
phantastischen Romantik, aus den? die über¬
triebene Schätzung der eigenen Kraft "hervor-
ging, in dem aber auch der Ursprung jenes
brutalen Fanatismus und jener Vorliebe für
Schleichwege und Ränke zu suchen ist, welche
die tschechischen Politiker zu einem ganz ab¬
normalen Denken verführten und schließlich in
einer Sackgasse verrennen ließen. Ob die Tsche¬
chen nunmehr zu besserer Einsicht gekommen
sind, oder ob auch ihr Nachgeben in der Ta-
gesordnungsftage — denn ein Nachgeben ist es
— wieder ein unaufrichtiges ist, das den Ge¬
danken im Hintergründe hat, die Deutschen tuS
Unrecht zu setzen, werden die Ereignisse zei¬
gen.
Man verweist auch' heute schon, jedenfalls
sehr verfrüht, auf einen gewissen Zusammen¬
hang der nunmehrigen tschechischen Milde mit
der parlamentarischen Situation, der Möglich¬
keit einer neuen Majoritütsgruppierung und
einer allfälligen Rekonstruktion des Ministe-
riums. Niemand wird in Abrede stellen wollen.,
daß eilte Besserung der politischen Verhältnisse
in Böhmen auf die parlamentarische Politik
eine starke Rückwirkung üben müßte, allein die
Besserung in Böhmen, also ein durch 'die Ord¬
nung der nationalen Belange ermöglichtes fried¬
liches Nebeneinander von Deutschen und Tsche¬
chen im Lande muß eine tatsächliche, sie muß
zur Wirklichkeit geworden sein, bevor sie sich
praktisch in den" parlamentarischen Miachtver-
hültnissen äußern kann.
Der erste Tag. der Prager Konferenzen hat'
erfreulicherweise das Tor zum Wege des Frie¬
dens geöffnet, aus den guten Willen und viel¬
leicht mehr noch auf die Klugheit derjenigen,
die ihn mit der Einberufung des böhmischen
Landtages betreten werden, wird es ankommen,
ob das Ziel erreicht und den Deutschen in
Böhmen ihr gutes Recht gesichert werden kann..
Russisches, Alsturusirschrs.
„Tie Tchande ist an den Tag gekommen!"
Mit diefeg Worten begrüßte die Frankfurter
Zeitung das Erscheinen der Kriegserinnerungen
Weressajews u??d fuhr dann fort: „Das Buch
enthält dir denkbar vollständigste Sammlung
von Beispielen raffinierter Unterschleife durch
russische Beamte und Offiziere, unmenschlicher
Gewalttaten russischer Soldaten gegenüber wehr¬
losen Chinesen, grenzenloser Inkompetenz aller
miätärischeN Obrigkeiten. . . ."
Dies Bnch ist iu der bekannten Memoiren¬
bibliothek von Robert Lutz in Stuttgart deutsch
erschienen guter dem Titel: „Meine Erlebnisse
im russisMjapänischen Krieg" (8. Auflage 1910,
Preis 5 Mark broschiert, 6 Mark gebunden)
und es erzählt uns tausend unerhörte Dinge,
die wie die Erfindung eines, bösartigen Narren
erscheinen müßten, wenn nicht die vollständige
Wahrhastigkeit Weressajews gewissermaßen amt¬
lich bestätigt wäre: das Buch der russischen
Schande ist mit Genehmigung der russischen
Zensur erschienen. Und nun lese man, was der
Verfasser, per den Krieg als Arzt mitgemacht
Hat, in seiner mutigen Offenherzigkeit berichtet,
von der absoluten Unfähigkeit fast aller Osfizere,
von den systematischen Unterschlagungen, von
Plünderer, Mord und Totschlag, von einer
geradezu phänomenalen Bureaükratie, die jeden
Munden Gedanken, erstickt. Die Krankenschwe¬
stern sind häusig nur die' verkappten Mätressen
höchster Offiziere und Beamten — die Ver¬
wundeten gehen dafür zu Grunde. Roß und
Reiter haben nichts zu - nagen und zu beißen
— weil das Proviantamt Lieferscheine,- die mit
Bleistift statt mit Tinte geschrieben sind, nicht
berücksichtigt. Bei Charbin liegen 37 Eisen-
bahnzüge mit Truppen- und. Kriegsmaterial fest,
weil der Statthalter Alexejew seine 2 Luxns-
züge für die Gefahr eines Rückzuges auf den
2 Hauptgeleffen unter Dampf hält, und weil
außerdem nachts kein Zug Charbin passieren
darf. Der Statthalter wohnt nämlich! im Bahn¬
hof und möchte feiue Ruhe haben. In der Front
dagegen fehlt es an Truppen- und Kriegsma¬
terial. Aber natürlich: die Ruhe des Statthal¬
ters! Lieber mag Rußland, einen. Krieg ver¬
lieren.
Der Chefarzt eines Lazaretts steckt die Kassen¬
gelder in steine Tasche, „zur Sicherheit", da¬
mit das Geld den vordringenden Japanern nicht
in die Hände falle, wenn ber Kassenwagen
genommen würde. Das Kommando,- das die
Kasse eskortiert/ bekommt aber vom Chefarzt
den Befehl, an einen: sehr gefährdeten Punkt
Nuszuharren und unter gar keinen Umständen
vom Platz zu gehen. Damit nämlich! der Chef¬
arzt den Verlust der Kasse melden kann, der
Kasse, die leer ist!
T-er Typhus ist eine „verbotene" Krankheit,
also behandelt man die Typhösen als JnsLn-
enzakranke. Und an dieser Influenza sterben
Hunderte, Tausende! Aber wie nett macht es
sich doch auf dem Papier, wenn da steht: " Die
Armee ist frei von Typhus. Wenn's nur aus
dem Papier stand! Als späterhin der Typhus
doch, nicht mehr verschwiegen werden konnte,
besuchte der Korpsarzt ein Spital.
„Haben Sie die Desinfektion vorgenommen?"
„Desinfektion? Wir haben gar keine Des¬
infektionsmittel."
„Haben Sie die Desinfektion vorgenommen?"
wiederholte der Korpsarzt nachdrückliche
„Ich sage Ihnen ja. . ."
„Ich hoffe, Sie haben die Desinfektion vor¬
genommen ?"
„Ja—a. . . Aber. .
-„Schon gut! Bitte machen Sie einen Rapport,
daß die Desinfektion vorgenommen worden ist."
Dias ist nur ein so kleines Beispiel, dem
man ein Dutzend ähnlicher zur Seite stellen
könnte.
Bei einer SM acht geht 'im Lazarett das
Verbandzeug zu Ende. Weressajew schickt zum
Depot, er brauche Verbandzeug, die Verwundeten
bluteten sich sonst zu Tode. Aber ohne Ver-
langschein des Chefarztes wird kein Verband¬
zeug abgegeben. Und die Söhne Rußlands
sterben in ihren Blutlachen. . .
So wurde der Same der Revolution gesät!
Ter Zar, ganz Rußland wurde in diesem
Krieg betrogen und belogen.. Es ist Ngcht. Man