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Astronomie.
Li. ttebersicht des Weltgebäudes.
M. Verth eilung der WeLtkörper im Raume. Auf der Erd¬
oberfläche fiudeu wir es keineswegs schwierig, eine richtige Vorstellung vvu der
Lage der Objekte, die uns umgeben, zu erlangen; wir sehen ihre Richtung,
wir beurtheilen mit dem Auge vermöge einer von Jugend auf gewouneuen
Uebnng ihre Entfernung, und entwerfen uns hiernach ein Bild von ihrer Ver-
theilung im Raume. Wollen wir dieselbe Erkenntnißmethode anf die Gegen¬
stände des Himmels anwenden, so treffen wir sogleich anf ein nnnbersteigliches
Hinderniß: die Benrt Heilung der Entfernung fällt weg. Welcher
Zwischenraum treuut uns von Sonne und Mond? — Diese leuchteudeu Pnnkte,
die über uus bei der Nacht au einer Hohlkugel vertheilt erscheinen, sind sie in
der Wirklichkeit neben einander dicht znsammengedrängt, oder sind sie im Raume
zerstreut, und welche gegenseitige Lage haben sie? — Die unmittelbare Wahr¬
nehmung gibt uus darüber keine Auskunft.
So weit die Geschichte zurückreicht, berichtet sie uns vou Bemühungen der
Menschen, die Erscheinungen des Himmels zu entrathseln; meistens ohne irgend
befriedigenden Erfolg. Dem phantasiereichen griechischen Alterthume war die
Erde eine Scheibe, welche ringsum der Oceau einschloß, über der Erde
erhob sich der Himmel in Gestalt eines Gewölbes, und Atlas trng die Säulen,
aus welchen das Gewölbe ruhte. Die Soune trat Morgens bei Kolchis aus dem
Oceau hervor und sank hinter dem Atlas Abends in den Oceau wieder hinab,
um während der Nacht nordwärts bis Kolchis zurückzuschwimmen. In gleicher
Weise erhobeu sich die Sterne im Osten aus dem Ocean uud verschwanden in
demselben wieder im Westeu. Diese Vorstellnug, welche etwa eiu Jahrtauseud
vor der christlichen Zeitrechnung sich geltend machte, wnrde bald dnrch andere
Systeme verdrängt, die nicht ans bloßer Anschauung, sondern theilweise oder
ganz aus Speculation hervorgegangen waren; die Annäherung an die Wahrheit
war indessen in den folgenden dritthalbtauseud Jahreu sehr langsam; denn im
Gruude genommen sind die krystallenen Kugelschalen, durch welche man noch
im löten Jahrhundert die Planeten uud Fixsterue herumführen ließ, wenig
besser, als das anf Sänlen ruhende Himmelsgewölbe der ältesten Griechen.
Nichtige Ideen über die Austheilung der Sterne im Raume und den
Zusammenhang des Weltgebändes sind eine Frucht neuerer Forschung; uud
zwar besitzen wir gegenwärtig nur einige Grundbestimmnngen, nnr eine all¬
gemeine Skizze, die erst dnrch künftige Beobachtungen im Einzelnen vervoll¬
ständigt und ausgearbeitet werden mnß. Daß es so viele Mühe gekostet hat,
etwas Sicheres über das Weltgebäude zu erforsche», lag nicht etwa in einer
besondern Verwickelung des Systems selbst; denn Alles, was bisher mit
Bestimmtheit am Himmel ermittelt werden konnte, deutet daraus hin, daß
durchgängig die möglichste Einfachheit in allen Verhältnissen bestehe; die
Schwierigkeit der Erforschung lag vielmehr hauptsächlich darin, daß die Natur
dem Menschen einen höchst ungünstigen Standpunkt zur Betrachtung des Welt-
gebändes angewiesen hat. Es ist deßhalb unbedingt nothwendig, daß wir, um
eine Uebersicht des Weltsystems zu erhalten, einen geeigneten Standpunkt aus¬
wärts suche» und uns in Gedanken dahin versetzen. Stellen wir nns zu
diesem Zwecke einen Hellen Winterabend vor, etwa im Monat Februar. Wenn
die Sonne schon einige Zeit im Westen verschwunden ist, so treten nach und
nach die größern, später die kleinern Sterne hervor, und ist es vollkommen