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Tages kam der reichste Bauer von ganz Ried zur Hexe, und bat sie,
dass sie doch auf die Alpe kommen sollte; es sei seiner fettesten
Kuh der Fuss gebrochen, und nach Landeck wolle er nicht um einen
Thierarzt schicken. Die Hexe versprach dem Bauern, zu kommen, und
sagte: „Geh’ nur voraus, ich werde schon nachkommen, wenn ich
erst diese Salbe bereitet haben werde.“ Als der Bauer beiläufig eine
Stunde weit gegangen war, sah er eine Maus vorbeilaufen. Als er
oben angekommen war, stand die Hexe schon dort. Der Bauer fragte
sie: „Ja, wie bist du denn da hinaufgekommen, ohne mir begegnet
zu sein?“ „Ja, hast du nicht eine Maus hinauflaufen gesehen?“ —
Die Hexe legte der Kuh eine Salbe auf, und das Vieh wurde gleich
gesund. Ein anderes Mal hatte die Hexe kein Salz, um die Suppe
zu salzen. Da setzte sie sich auf ihren Besen, und ritt nach dem
Haller Salzberg. Dort kaufte sie Salz, und ehe die Suppe sott, war
sie schon wieder in ihrer Hütte. (Oberinnthal.)
584. Hiiicler holen Salz*
Auf dem Schlosse im Arundawalde sass eine Frau, die mehr ver¬
stand , als andere Leute. Als sie einst das Mittagsmahl bereitete, fehlte
es an Salz. Stracks rief sie ihren drei kleinen Kindern zu: „Geht
nach Hall um Salz und seid bis Mittag wieder hier.“ Kaum war’s
gesagt, flogen die Kinder zum Fenster hinaus, und eh’ es Eilfuhr
schlug, brachten sie das verlangte Salz aus der fernen Stadt 1 ).
(Bei Glurns.)
585* »ie Hexe*
In Tschengels lebte einst eine weitum gefürchtete Hexe. War
auch der Himmel glashell und kein kreuzergrosses Wölklein daran, so
kam doch gewiss binnen wenigen Minuten ein fürchterliches Uügewitter,
wenn die Alte mit ihrem breitkrämpigen Hute geschäftig dem Berg
zueilte. Dann sah man sie oft auf einem Bocke den Hagelwolken vor¬
anreiten, oder in Gesellschaft von andern ihres Gelichters die Wolken
mit Ofengabeln vom Joche herausschieben. Läutete dann irgend eine
hexenfeindliche Glocke, so hörte man ihr Zähneknirschen und Schelten;
wenn aber der Messner das Wetterläuten versäumte, so konnte man
zwischen dem Klappern der Hagelsteine deutlich ihr schadenfrohes
1) Das Salzholen wird in einer andern Vinschgauer Sage geradezu den
Saligfräulein beigelegt. Tirol. Märchen I, S. 54. Wolf Zt. IY, S. 150.