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318. Das Gelübde.
Als die Pest das Land verheerte, gelobte ein Ritter auf Karneid,
er wolle eine Wallfahrt zu® Muttergottes nach Weissenstein thun, wenn
die Seuche sein Schloss verschone. Der Himmel erhörte sein Ver¬
sprechen und die Burg blieb verschont. Als die Pest vorüber war,
nahm er es mit der Wallfahrt nicht so ernst. —- Allein der Himmel
lässt nicht spassen. Ein Jahr, nachdem er das Gelöbniss gemacht
hatte i starb er plötzlich an der Pest und all die Seinen folgten ihm
bald in’s Grab. Dem Gelübde, das er lebend nicht erfüllt hat, muss
er als Geist nachkommen. Oefters sahen fromme Wallfahrer, die noch
spät auf dem Wege waren, den Ritter mit seiner Familie den Berg
hinansteigen 1 ). (Bei Bozen.)
319. Die stellen Schneider.
Vor alter, alter Zeit sassen einmal zu Kaltem sieben Schneider
bei einem Trünke. Sie waren gar durstige und lustige Kumpane und
hatten schon manchen Humpen hinuntergeseilt. Vom Weine trunken
schrie endlich einer! »Für unsere Seligkeit ist mir nicht bange. Wenn
wir uns auf Erden satt getrunken haben und sterben, soll uns die
himmlische Hochzeit, wobei es auch lustig hergeht, nicht ausbleiben.
tJnsere liebe Frau in Weissenstein hat schon viele Mirakel gewirkt,
und kand an uns auch eines wirkfen. Desshalb sollen wir schwören
und geloben, nach Weissenstein zu wallfahren, wenn einer von uns
einmal gestorben sein sollte. Dort wollen wir dann für die ewige Ruhe
des Todten beten und die Gottesmutter muss ihn erlösen, mag sie
wollen oder nicht.“ Die benebelte Brüderschaft der Sieben war mit
dem Anträge einverstanden und alle machten das Gelöbuiss, für die
Seelenruhe eines jeden, der aus ihnen gestorben sein würde % eine
Wallfahrt nach Weissenstein zu unternehmen. Es dauerte nicht lange,
1) Tirol. Sg S. 299. Mair Sagenkränzlein S. 201. Vrgl. Webers Bozen
S. 373, dessen Mittheilung gegen Ende abweicht; Und siehe! die
Pest kam wieder und raffte sie alle dahfn. Die Nacht darauf flogen
die Schlossthore auf, die Todten auf fahlen Rossen, schwarze Mäntel
um die klapperdürren Leiber; sprengten empor nach Weissenslein und
drangen durch die sich willig öffnende Kirchthüre vor das h. Frauen¬
bild. Dort stürzten sie mit grossem Gerassel zusammen und des Mobf
gens fanden die Mönche nichts, als ein Häuflein schwarzer Gebeine*
So rächte sich der Treubruch an den Meineidigen.“
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